Montag, 7. Februar 2011

NZZ online - Zurück zur Scharia – oder vorwärts zu einem zeitgemässen Islam?

Ein Gespräch mit der tunesischen Religionswissenschafterin Amel Grami

Tunesien war punkto Frauenrechten eines der fortschrittlichsten Länder der arabisch-islamischen Welt. Doch auch dort finden neokonservative und islamistische Ideen besonders unter jungen Frauen zunehmend Gehör. Wieso? Beat Stauffer sprach darüber mit der Religionswissenschafterin Amel Grami; sie ist eine der prominentesten Stimmen im Maghreb, die eine zeitgemässe Lektüre des Korans fordern und sich für Glaubensfreiheit im Islam einsetzen.
Tunesien gilt in der arabischen Welt als vorbildlich, was die Rechte der Frauen betrifft. Trifft dies Ihrer Ansicht nach zu?

Amel Grami: Seit einigen Jahren ist Tunesien in dieser Hinsicht leider kein Vorbild mehr für die arabisch-islamische Welt. Es ist ein klarer Rückschritt zu verzeichnen. Da ich in direktem Kontakt mit meinen Studentinnen stehe, kann ich gut beobachten, wie Errungenschaften verloren gehen, für die lange Zeit gekämpft worden ist. Viele Studentinnen sind heute bereit zu einem «retour à la charia», sie fordern die Anwendung dieser Bestimmungen, auch wenn sie für Frauen unvorteilhaft sind. So denken sie etwa, die beste Art, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, sei die Rückkehr der Frauen an den Herd, und viele tragen den Gesichtsschleier. Sie verteidigen das traditionelle islamische Erbrecht und sind der Überzeugung, dass wegen der Befreiung der Frauen viel Wertvolles verloren gegangen sei; auch die Polygamie stört sie nicht wirklich, sie finden sie vielmehr legitim.

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Wir emanzipierten Frauen haben offensichtlich zu wenig für die Verbreitung unserer Ideale und Werte getan. Wenn Sie heute in den Strassen von Tunis spazieren gehen, dann sehen Sie Grossmütter und Mütter, die in den meisten Fällen nicht verschleiert sind, während die dritte Generation Kopftuch trägt. Die Rückkehr zu religiösem Denken, die Rückbesinnung auf islamische Werte ist mit Händen zu greifen. Es gibt Ärztinnen und Ingenieurinnen, die für die islamische Sache missionieren; etwas, das noch vor kurzem niemand in Tunesien für möglich gehalten hätte.

Medienmacht und mangelndes Wissen
Wie erklärt sich Ihrer Ansicht nach diese Reislamisierung?

Ich denke, die arabischen Medien haben dabei eine sehr wichtige Rolle gespielt. Früher waren wir stolz auf unsere tunesische Kultur, auf unsere Offenheit. Doch seit wir unter dem Einfluss der arabischen Medien stehen, hat sich enorm viel verändert. Dazu kommt, dass es eine tiefgreifende Identitätskrise gibt, die durch die Kriege im Irak und in Libanon noch verstärkt worden ist. Es gibt in der arabischen Welt gegenwärtig massive Frustrationen, und die Menschen fühlen sich an die Wand gedrängt. In dieser Situation suchen sie Schutz und Halt in der Religion. Wichtig erscheint mir dabei die Rückkehr zum Rituellen, zu der genauen Befolgung der religiösen Vorschriften. Für mich ist das eine Art Fetischismus. Die Frauen versucht man seit einigen Jahren insbesondere über den «Schleier» zu verführen. Auch dabei spielen arabische TV-Sender eine entscheidende Rolle. Heute findet man auch in Tunesien eine ganze Kopftuch-Mode, die hierzulande früher unbekannt war.


Sehen denn die jungen Tunesierinnen die Vorteile nicht, die sie aufgrund des relativ fortschrittlichen Frauenrechts in Tunesien im Vergleich zu den meisten andern arabischen Ländern geniessen?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. All dies hat letztlich mit dem Fiasko der religiösen Erziehung in Tunesien zu tun. Religionsunterricht war in Tunesien lange Zeit das bei weitem unbeliebteste Fach, und die Lehrer nahmen den Unterricht nicht ernst. Eine ganze Generation von jungen Menschen hat so kaum etwas Substanzielles über Religion erfahren. Auch mit der Reform, die der vormalige Erziehungsminister, Mohamed Charfi, vorgenommen hat, hat sich in dieser Sache nicht viel verändert. Er setzte sich zwar für eine zeitgemässe Lesart der koranischen Botschaft ein. Doch sein Projekt ist gescheitert, weil sich die Lehrpersonen davon nicht überzeugen liessen. Sie alle hatten ein sehr konservatives Verständnis der Religion und zudem keine Ahnung von Religionssoziologie, vergleichender Religionswissenschaft usw. Eine ganze Generation verfügt somit in religiösen Dingen nur über ein äusserst beschränktes Wissen, und die jungen Menschen haben auch von ihren Familien in dieser Hinsicht nicht viel mitbekommen. Wenn überhaupt, gerieten sie in privaten Kreisen in Berührung mit der Religion, und gerade dort spielten Islamisten eine wichtige Rolle.


Viele der religiösen Programme, die über Satelliten-TV verbreitet werden, vermitteln eine konservative oder gar fundamentalistische Sichtweise. Gibt es denn keine anderen TV-Sender, welche versuchen, diesen konservativen Inhalten eine modernistische, laizistische Sicht entgegenzusetzen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir befinden uns in dieser Krise, weil zum einen viele Intellektuelle indifferent geworden sind und sich in diesen Fragen in keiner Art und Weise mehr engagieren. Sie haben begriffen, dass ihr Diskurs, ihre Weltsicht bei der jungen Generation kaum mehr Einfluss hat im Vergleich zum gewaltigen Einfluss etwa der Fernsehprediger. Zum andern scheint mir, dass die Islamisten auch aktiv ermutigt werden, dieses Feld zu besetzen. Es geht heute sogar so weit, dass an TV-Debatten Teilnehmer, welche liberale, gemässigte, laizistische Positionen vertreten, häufig lächerlich gemacht werden. Aus diesem Grund mögen viele modernistisch eingestellte Intellektuelle nicht mehr an solchen Debatten teilnehmen.

Religion als Fluchtweg
Versuchen denn die Regierungen im Maghreb nicht, dem religiösen Konservatismus etwas entgegenzusetzen? Oder ziehen sie es vor, mit den Islamisten zu flirten?

Ich habe den Eindruck, dass die konservativ-islamistischen Kreise auch von staatlicher Seite ermutigt und unterstützt werden. Wenn sie etwa an eine Büchermesse gehen, werden sie Unmengen an religiöser Literatur finden. Bücher kritischen Inhalts werden hingegen oft zensuriert.


Was ist Ihrer Ansicht nach der Hauptgrund für die zunehmende Attraktivität der neokonservativen oder gar fundamentalistischen Weltsicht im arabischen Raum? Ist es vor allem das Gefühl, vom Westen dauernd gedemütigt zu werden?

Vom Westen, aber auch von den eigenen Regimen. Wenn es keine Meinungsäusserungsfreiheit gibt, wenn es unmöglich ist, über die zentralen gesellschaftlichen Probleme offen zu diskutieren, wenn es in vielen Punkten einfach nicht vorangeht, ist eine solche Entwicklung nicht erstaunlich. Eine ganze Generation von jungen Menschen hat keine Träume, keine Ideale, keine Hoffnung mehr. Sie spüren bloss, dass wir gescheitert sind. Ich habe viele Studenten, die ganz genau wissen, dass ein Master in arabischer Literatur heute nichts mehr wert ist. Diese jungen Menschen fühlen sich gedemütigt in ihren eigenen Ländern. Noch bis vor wenigen Jahren konnten junge Menschen, die sich von ihren eigenen Gesellschaften verachtet fühlten, auswandern. Heute sind die Grenzen immer mehr verschlossen, und wer es dennoch schafft, nach Europa zu gelangen, hat dort als Araber und Muslim einen schweren Stand. Heute wissen diese jungen Menschen, dass es keine Hoffnung für sie gibt. Aus diesem Grund flüchten sie sich in die Religion.


Kommen wir auf die Frage der Rolle der Frauen innerhalb der religiösen Institutionen zu sprechen. Ist dieser Bereich auch in Tunesien eine Domäne der Männer geblieben?

Die Feministinnen der achtziger und neunziger Jahre haben es aus verschiedenen Gründen gar nicht erst versucht, in diesen Bereich vorzudringen. Was meine Generation betrifft, so verfügen viele Forscherinnen und Forscher heute über eine Ausbildung in arabischer Sprache und Literatur und gleichzeitig auch in modernen Humanwissenschaften. So sind einige interessante neue Arbeiten über Themen aus dem Bereich der Religion entstanden. Der «islamische Feminismus» – eine Bewegung, die feministische Anliegen aufgreift, diese aber mit islamischen Argumenten abstützt – hat in Tunesien allerdings bis anhin kaum Fuss fassen können. Es gab eine ganz klare Spaltung unter den Frauen: Entweder man war Feministin oder religiös eingestellt. Wir emanzipierten Frauen waren uns nicht bewusst, dass es ein Projekt braucht, um den Islamisten entgegenzutreten und auf solche Weise die Werte der Modernität und des Laizismus zu verteidigen. Doch das hat sich jetzt geändert.

Der Koran aus weiblicher Sicht
Sie sind offenbar davon überzeugt, dass eine eigenständige Interpretation der heiligen Schriften aus weiblicher Optik von grosser Wichtigkeit wäre.

Ja. Ich erkläre Ihnen gerne, weshalb. Die klassische Interpretation des Korans ist ein gewaltiges Werk, ein gigantisches Korpus. Diese Schriften stellen eine Referenz dar, auf die sich Forscher und Wissenschafter bei der Auslegung immer wieder beziehen. Aus weiblicher Sicht wurden bis anhin nur einzelne Aspekte angegangen, so etwa die Frage betreffend den Schleier oder die Vorrangstellung des Mannes gegenüber der Frau. Doch es wäre wichtig, den gesamten Koran und nicht bloss einzelne Suren aus weiblicher Optik zu interpretieren. Solange wir es nicht schaffen, all die hochqualifizierten Frauen aus der islamischen Welt, die über den Koran geforscht haben, zu einem gemeinsamen Projekt zusammenzubringen, werden wir es auch nicht schaffen, die herkömmlichen Referenzwerke zu konkurrenzieren und so wirklich etwas in Bewegung zu setzen.

Es geht dabei auch um die «égalité au niveau du savoir», um die Gleichberechtigung im Bereich der Produktion von Wissen. Auch in Tunesien werden Forscherinnen von männlichen Kollegen häufig diskriminiert und ausgegrenzt: Innerhalb von Ministerien und Universitätsinstituten, aber auch, wenn es um die Teilnahme an internationalen Kongressen geht. Ich selber habe das wiederholt und schmerzlich erfahren: Man lädt lieber «Vorzeigefrauen» mit Kopftuch ein, die nicht opponieren und auf der Linie der männlichen Rechtsgelehrten sind.


Halten Sie das Phänomen des «islamischen Feminismus», das Anzeichen einer Bewegung aufweist, für bedeutsam?

Ja, auf jeden Fall. Diese Bewegung wird den jungen Frauen dabei helfen, eine andere, neue Vorstellung von Religion zu entwickeln. Wie schon gesagt, hat die gemässigte, fortschrittliche im Vergleich zu der orthodoxen und der islamistischen Lesart kaum Gewicht. Die junge Generation kann deshalb gar nicht entdecken, dass das religiöse Wissen nicht allein in den Händen der Männer ist! Es gibt keine Zusammenstellung der Werke von Frauen, die über Religion geforscht haben, und vielfach werden diese Autorinnen auch schlicht totgeschwiegen.


Doch vertreten nicht viele «islamische Feministinnen» konservative bis islamistische Positionen?

Das ist von Land zu Land verschieden. Schauen Sie, in Ägypten verfügen die Islamistinnen über die Kompetenz in religiösen Dingen. Die Feministinnen hingegen haben die Möglichkeit, neuere Felder in der Forschung zu eröffnen. Wenn sich die beiden «Lager» für ein Projekt zusammenschliessen können, dann entstehen Synergien. So können Hindernisse überwunden werden. Das gilt auch für die marokkanischen Feministinnen. Sie haben begriffen, dass sie zumindest punktuell mit den Islamistinnen zusammenarbeiten müssen. In Tunesien ist dies nicht möglich, weil islamistische Bewegungen hier verboten sind und es demzufolge keine bekennenden Islamisten und Islamistinnen gibt. Sie müssen gewissermassen im Untergrund arbeiten und haben Angst, an die Öffentlichkeit zu treten.

Freiheit im Glauben?
Sie haben vor beinahe 15 Jahren ihre Dissertation zum Thema der Apostasie, des «Abfalls vom Glauben», in der Geschichte des Islam verfasst. Diese Studie wurde zensuriert und für mehrere Jahre unter Verschluss gehalten. Was war Ihre Motivation, sich gerade mit diesem heiklen Thema zu befassen?

Das hatte ursprünglich sehr persönliche Gründe. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gab es mehrere Personen, die sich vom Islam abgewendet hatten. Sie waren allerdings gezwungen, dies heimlich zu tun. Es hat mich damals erschüttert zu sehen, wie diese Menschen ihre persönliche Entscheidung in Glaubenssachen nicht öffentlich machen konnten. Ich musste feststellen, dass zwar viel von Menschenrechten die Rede war, die Frage der Religionsfreiheit aber strikt ausgeklammert blieb.


Teilen Sie die Auffassung, dass es für den Islam von zentraler Bedeutung ist, das Apostasieverbot zu lockern und den Widerspruch zu lösen, der sich in diesem Bereich mit grundlegenden Menschenrechten ergibt?

Im Koran selber werden Menschen, welche in Glaubensdingen einen anderen Weg gewählt haben, nicht verurteilt. Ganz im Gegenteil: Denken Sie nur an den zentral wichtigen Koranvers, der besagt: «Es gibt keinen Zwang im Glauben.» Doch was in anderen Bereichen geschieht, hat leider sehr viel mehr Einfluss. Theologen haben den koranischen Text gewissermassen des Sinnes entleert. Bei der Frage der Apostasie geht es darum, diejenigen zu bestrafen, die den Rahmen des Islam verlassen wollen. Warum? Weil sie anders sind, weil sie nicht gehorchen, weil sie die Normen nicht befolgen.


Existiert eine öffentliche Debatte über die Frage der Apostasie in den muslimisch-arabischen Ländern?

Seit ein paar Jahren hat meiner Einschätzung nach in dieser Sache eine zaghafte Debatte begonnen. Als ich mich Anfang der neunziger Jahre mit dem Thema beschäftigte, herrschte Stillschweigen. Das Faktum der Apostasie wurde schlicht geleugnet, und die Betreffenden wurden als verrückt, als psychisch krank oder gar als Verräter bezeichnet. Heute räumt man ein, dass das Phänomen existiert, dass Muslime ihre Religion aufgeben. Dies gilt allerdings fast nur für Ägypten; in den anderen Ländern existiert praktisch keine öffentliche Debatte. Doch die Perspektive ist dieselbe geblieben: Man verurteilt die Betreffenden klipp und klar. Dazu kommt, dass Apostaten nicht zu den Debatten – vor allem im Fernsehen – eingeladen werden.


Ist in der tunesischen Öffentlichkeit bekannt, dass Sie zu dieser Frage publiziert haben?

Ja, es ist bekannt. Doch obwohl ich als Erste zu dieser Frage in Tunesien publiziert habe, ist in der Öffentlichkeit immer von anderen Forschern die Rede, die sich auf mein Buch beziehen. Weshalb ist dies so? Meine Antwort ist ganz einfach: Weil diese Forscher Männer sind. Es ist offenbar glaubwürdiger, sich auf einen Mann zu beziehen. Sehen Sie: Wenn es um Religion geht, also um den Bereich des Sakralen, dann ist der Mann zuständig. Die Frau ist nicht «rein», sie ist infolgedessen eher für den Bereich des «Unreinen» zuständig. Und das «Unreine» sollte nicht in direktem Kontakt zum Sakralen stehen. In den Debatten wird gerne auf Frauen zurückgegriffen, wenn es etwa um den Schleier geht, also nicht um zentrale Themen. Doch wenn ein heikles Thema wie die Apostasie debattiert wird, dann wird keine Frau eingeladen. Das Thema ist schlicht zu wichtig.

Totgeschwiegen
Ist es nicht gefährlich, solche Themen öffentlich zu debattieren und dabei fortschrittliche Positionen zu vertreten? Riskieren Sie nicht, beschimpft oder gar körperlich angegriffen zu werden?

Doch. Ich bin immer wieder mit verschiedenen Formen von Gewalt konfrontiert worden. Es gibt die symbolische Gewalt, es gibt die Gewalt mit Worten, und es gibt körperliche Gewalt. Nicht zu vergessen die psychologische Gewalt, die ausgeübt wird, wenn man die Arbeiten einer Forscherin bewusst übergeht und totschweigt. Doch immer wenn man mir diese Frage stellt, dann sage ich mir: Du kannst nicht den «Rückwärtsgang» einlegen. Man muss immer einen Preis zahlen für alles, was man tut. Ich habe meinen Weg gewählt, und allein schon wegen der Menschen, die verfolgen, was ich schreibe, kann ich nicht zurückkrebsen. Das wäre nicht nur ein Verrat an mir selber, sondern auch gegenüber meinen Studentinnen, meinen Universitätslehrern und all meinen Leserinnen und Lesern.

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