Montag, 29. März 2021

Es ist in ganz Europa anerkannte Tatsache, dass die wesentlichen Versäumnisse im Zuge der Impfkatastrophe in Brüssel stattfanden



>...Das bedauerliche Durcheinander hierzulande ist auf die Eigenschaft der Demokratie, alle mitreden zu lassen und dann – meist viel zu spät – einen lauwarmen Kompromiss einzugehen, zurückzuführen. In Deutschland wirft man Frau Merkel vor, alles zuzusperren und die Wirtschaft zu ruinieren. In Österreich beschuldigt man Kanzler Kurz andersrum, als hemmungsloser Aufsperrer die Spitäler zu füllen. Was immer jemand unternimmt: Es bricht ein Sturm der Entrüstung los...<

Ist, wo Rauch ist, wirklich immer Feuer? Oder sind es manchmal nur verwirrende Nebelgranaten? Gefährlich sind sie allemal. Was immer jemand derzeit unternimmt: Es bricht ein Sturm der Entrüstung los. 

In den letzten Wochen häufen sich die Anlässe, Kritik an der Regierung zu üben. Es ist kein Ruhmesblatt, dass Gesundheitsminister und Kanzler, so wie es aussieht, nicht genau wussten, was ein leitender Beamter im Zuge der Impfstoffbeschaffung der Brüsseler Pfuscher versäumte. Die großteils berechtigte Kurz’sche Attacke gegen die Nachlässigkeiten der EU wurde postwendend von der Opposition und auch vom Gesundheitssprecher der europäischen Volkspartei, Peter Liese, wütend abgeschmettert. „Kurz sollte nicht als Ankläger auftreten. Vielmehr sei etwas Selbstkritik angebracht.“ Viele einander widersprechende Nachrichten lassen den Bürger ratlos zurück. Was soll man davon halten? Seit Monaten reiht sich für die Regierung Kurz eine genüsslich kolportierte nachteilige Meldung an die andere. Finanzminister Gernot Blümel wird als Beschuldigter geführt. Innenminister Karl Nehammer geriet nach der Abschiebung von Schulkindern in die Kritik. Solcherart vom Virus des Anfangsverdachts angesteckt, schüttelt der Lockdown-gepeinigte Bürger den Kopf. „Übliche politische Geplänkel?“ Wird weiterhin beharrlich alles Mögliche und Unmögliche aufgewärmt, beginnt er zu grübeln: „Da muss doch irgendetwas dran sein ... Wo Rauch ist, ist auch Feuer.“ 

Heutzutage kann Verdacht erregender Qualm lange vor einer politischen Feuersbrunst entstehen. Es wurde zu einer perfiden Kunst, raffiniert angeordnete Rauchmaschinen anzuwerfen und dann scheinheilig „Feurio! Zu Hülf!“ zu rufen. Dabei salbt man jammernd simulierte Brandblasen und zeigt mit allen verfügbaren Fingern auf angebliche Brandstifter.

Was bleibt bei kühler Betrachtung all der Vorwürfe? Es ist in ganz Europa anerkannte Tatsache, dass die wesentlichen Versäumnisse im Zuge der Impfkatastrophe in Brüssel stattfanden. Das bedauerliche Durcheinander hierzulande ist auf die Eigenschaft der Demokratie, alle mitreden zu lassen und dann – meist viel zu spät – einen lauwarmen Kompromiss einzugehen, zurückzuführen. In Deutschland wirft man Frau Merkel vor, alles zuzusperren und die Wirtschaft zu ruinieren. In Österreich beschuldigt man Kanzler Kurz andersrum, als hemmungsloser Aufsperrer die Spitäler zu füllen. Was immer jemand unternimmt: Es bricht ein Sturm der Entrüstung los. Beschuldigungen, wie im Falle des Innenministers, sind schnell erhoben und beileibe keine Verurteilungen. Die Abschiebung der bedauernswerten Kinder erfolgte, wie sich später herausstellte, rechtens.

Nach Durchsicht der kolportieren Sündenliste der KurzTruppe verdichtet sich der Eindruck, dass diese zu einer grotesken Größe aufgebläht wird. In die unappetitliche Kampagne reihte sich der außer Rand und Band geratene Herr Kickl anlässlich einer Kundgebung gegen die Covid-Maßnahmen der Regierung würdig ein. „Kurz muss weg! Kurz muss weg!“ wurde skandiert, wie einst von ReichsPropagandaminister Goebbels. Angesichts seines in der Intensivstation weilenden, covidkranken Parteigenossen Haimbuchner ist Herr Kickl mittlerweile kleinlaut geworden. Zum grölenden Grundbass vom rechten Rand gesellt sich der Sopran linkslinker Jusos, welche jüngst Fotos von Karl-Heinz Grasser und Finanzminister Blümel, versehen mit der Überschrift „Außen fesch, innen korrupt“ posteten. Dies erinnert an die Anfänge der Anti-Kurz-Rallye, als sich der FALTER (2017) durch die Titelseite „Der Neofeschist“ als Konkurrent zum Jagdjournal „Weidwerk“ outete.

Seither verbreitert sich der Strom der orchestrierten Häme kontinuierlich. Unübertroffen im biblischen Hass ist das Kampfportal eines abgehalfterten Grün-Vorsitzenden. Nach Demolierung seiner politischen Heimat gründete er eine neue Partei, führte diese ebenfalls in den Abgrund, geriet wegen Begrapschens von Mitarbeiterinnen in Misskredit, verlor sein Mandat und kühlt sein frustriertes Mütchen an allem, was geeignet scheint, der Regierung etwas am Zeug zu flicken. Das Gros der beamteten Berichterstatter zieht sich einstweilen auf eine verhaltene Hinsichtl-RücksichtlPosition im kommoden Nirwana hasenherziger Neutralität zurück. Meine Sache ist das nicht: Bevor nicht bewiesen ist, was hintenherum gemunkelt wird, bin ich aktiv auf Seiten der Verfolgten – welcher Couleur auch immer. Meine Wolle hat nur eine Farbe: die eigene.

WER AUS DER RIEGE DER KLÄFFER KÖNNTE ES BESSER? Es ist uns Menschen angeboren, einzelne Personen zu Urbildern von Persönlichkeiten abzustempeln. In jeder Gemeinschaft bildet sich ein Typus heraus, dem man die Schuld an allem Übel beimisst: der Sündenbock. Ein solcher wurde einst alljährlich, symbolisch beladen mit den Freveln des Volkes Israel, in die Wüste geschickt. Die Kenntnis dieses Instinkts ist es, welche Spin-Doktoren veranlasst, Kurz vom Helden zum Sündenbock umfärben zu wollen. Ähnliches manifestierte sich in der Steinzeit in der Behandlung des Regenmachers. Solange das Wetter gut, der Regen ausreichend war, achtete und verehrte man ihn. Blieb der Niederschlag über lange Zeit aus, wurde er unschuldigerweise den Göttern geopfert.

Wenn die wirtschaftlichen Folgen einer Krise spürbar werden, die Arbeitslosen auf die Straße gehen, die Wirtschaft rebelliert, erleiden politische Führer ein ähnliches Schicksal. Gesindel erkennt man daran, dass es gerne „Hosianna!“ plärrt, bei passender Gelegenheit dann „Crucifige! – ans Kreuz!“ brüllt. Allen derart auffällig werdenden Herrschaften sei ausgerichtet, dass sie die Regierung bei der Arbeit in der größten Krise der Nachkriegszeit blockieren und dabei noch das Virus weiterverbreiten. Sie fördern jene destruktiven Erscheinungen, die in den USA zur Erstürmung des Kapitols und zum Tod mehrerer Menschen geführt haben. Es bleibt eine einfache Schlussfolgerung: Wer aus der Riege der Kläffer, Besserwisser und Berufsbesorgten würde das Kanzlergeschäft effizienter im Griff haben? Solange mir dazu niemand einfällt, halte ich der Regierung Kurz die Stange. Aus reinem Egoismus.

http://www.woltron.com/web/files/uploads/f-13691126716060368924c14.pdf
(18 I GEGENFRAGE 28. März 2021 Foto: SEPA Media) 

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